27. Juni 2017

Gastbeitrag: InsurTechs – Die Spreu trennt sich vom Weizen

Meldungen zu InsurTechs in der Wirtschafts- und Fachpresse gibt es mittlerweile fast täglich. Der Weckruf der InsurTechs ist unüberhörbar. Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass die Start-Ups in der Versicherungswirtschaft einen längst überfälligen Strukturwandel ausgelöst haben. Noch ist dieser jedoch nicht in allen Bereichen der Wertschöpfungskette gleich stark zu spüren, und die InsurTechs nutzen ihr Potenzial in vielen Bereichen noch nicht voll aus. Schwerpunkt der Gründungsaktivität bleibt der Versicherungsvertrieb. Hier sind InsurTechs längst sichtbar auf dem Vormarsch – auch wenn die etablierten Vertriebswege das Feld aktuell noch klar dominieren. Zahlreiche InsurTechs im Versicherungsvertrieb gingen zunächst ohne das notwendige Branchenwissen ins Rennen. Die Nähe zu bekannten E-Commerce Vertriebsmodellen schien groß und verlockend, entsprechend viele Unternehmen wurden hier gegründet. Die Realität hat aber gezeigt, dass der Versicherungsmarkt dann doch nicht so einfach zu knacken ist. Im Bereich „Angebote“ sind in Deutschland die Start-Up-Aktivitäten bislang relativ überschaubar – trotz neuer Player wie Ottonova, Element oder Flypper – und liegen im internationalen Vergleich noch deutlich zurück. Auch im Bereich Versicherungsbetrieb/Operations haben noch nicht viele erkannt, dass sich hier große Chancen für Start-Ups bieten, die insbesondere den Bereich der Schadenregulierung und der versicherungstechnischen Kernprozesse unterstützen könnten.

Echte Disruption ist noch Mangelware. In Summe werden noch einige potentiell lukrative Felder vernachlässigt, während andere Geschäftsmodelle trotz begrenzten Ertragspotenzials schon überbesetzt erscheinen. Allerdings steht der Branche eine zweite Welle der InsurTech-Bewegung mit erfolgsversprechenderen Ansätzen bevor. Das ist ein zentrales Ergebnis der aktuellen Ausgabe des ersten weltweiten InsurTech-Radars von Oliver Wyman und Policen Direkt.

 

Umfassender Schutzmantel statt starrer Police

Der neue Megatrend der Branche lautet: Von versichert zu geschützt. Großes Potential für kundenorientierte Problemlösungen bringt die Kombination von Technologie, Dienstleistung und Versicherung. Jedoch tun sich InsurTechs gerade hier beim Kundenzugang und dem Kreieren eigenständiger Angebote im traditionellen Kerngeschäft der Versicherer noch schwer.

Deutsche Versicherungs-Start-Ups fokussieren sich auf der Angebotsseite aktuell stark auf zwei Bereiche. Dies zeigt der InsurTech-Radar, der die InsurTechs in 19 Geschäftsfeldern analysiert hat:

– Situative Versicherungen: Bei Start-Ups sind situative Versicherungen beliebt. Bedarfsgerechte und zeitlich begrenzte Versicherungen abzuschließen klingt zwar zunächst gut, nur passt das nicht immer zum Kundenverhalten. Eine große Chance bei diesem situativen Ansatz bieten deshalb besonders Flexibilisierungen eines umfassenden Versicherungsschutzes je nach Lebenslage des Kunden. Der Kunde kauft dann keine starre Police mit fester Laufzeit, sondern einen großen Schutzmantel. So ließe sich beispielsweise die Krankenversicherung online um einen Schutz im Ausland während des Urlaubs erweitern.

– Community-basierte Ansätze: Eine weitere starke Kategorie im Bereich Angebot sind InsurTechs mit Community-basierten Ansätzen, bei denen es bisher klar um Kooperation statt Disruption geht.

Beide Geschäftsmodelle sind, wie die Analyse zeigt, indes verglichen mit anderen Feldern nicht sonderlich gewinnträchtig.

Mit Angebotsinnovationen können sich auch traditionelle Versicherer in der digitalen Welt behaupten. Hier wären Start-Ups gefragt, die mit Innovation und dem Mut neue Mittel zur Verbesserung der Kundeninteraktion bereitstellen. Es gilt, Geschäftsmodelle zu finden, denen es gelingt, das latent vorhandene Kundenbedürfnis nach Schutz an die Oberfläche zu holen und für sich zu nutzen.

 

Der Versicherungsbetrieb mit dem Potential zum heilige Gral

Genauso wie im Bereich Angebot, liegen auch im Betrieb große Chancen für InsurTechs. Der Hebel zur Verbesserung ist gerade beim größten Kostenblock – der Schadenregulierung –  immens, jedoch mangelt es Start-Ups gerade hier bislang oft an der notwendigen Branchenerfahrung und die Entscheidungswege der etablierten Versicherer sind lang; Start-Ups brauchen hier also einen langen Atem. Der Betrieb ist zudem die Kerndomain der Versicherer selbst.

In Deutschland gibt es hier bis dato zu wenige Neugründungen. Auch international sollte der Betrieb bei den InsurTech-Aktivitäten stärker in den Fokus rücken. Möglicherweise sind Kooperationen von traditionellen Versicherern und InsurTechs hier der heilige Gral. Alt und Neu können bei einer solchen Partnerschaft voneinander profitieren. Während etablierte Versicherer die nötige Expertise mitbringen, sind Start-Ups technisch oft besser aufgestellt.

 

Weitere Kernergebnisse des InsurTech-Radars:

– Versicherungsangebote: Die größten InsurTech-Aktivitäten sind weltweit in Nischenbereichen wie situativen oder Community-basierten (P2P)-Ansätzen zu beobachten. Traditionelle Versicherer werden sich bei Angebotsinnovationen auch in der digitalen Welt behaupten.

– Versicherungsvertrieb: Hier findet aktuell der Hauptangriff der InsurTechs statt – mit guten Erfolgsaussichten, wenn auch nicht in allen Geschäftsmodelltypen. Die Kundenschnittstelle ist ein zentraler Schlüssel zum Erfolg. Eine erste Konsolidierungswelle steht aber bevor – die Spreu trennt sich vom Weizen.

– Versicherungsbetrieb: Dieser Bereich wird von InsurTechs bisher vernachlässigt, obwohl dort viel zu holen wäre. Hier können Versicherungen von InsurTechs profitieren und umgekehrt.


Dr. Nikolai Dördrechter ist Geschäftsführer und Co-Founder der Policen Direkt-Gruppe, die vor mehr als 12 Jahren als Startup im Versicherungsbereich gegründet wurde. Als CFO kümmert er sich u.a. um Venture Capital Investitionen der Gruppe und den Kauf von bestehenden Versicherungsmaklern. Er ist Mitautor des InsurTech-Radars.  

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Nikolai Dördrechter

Dieser Artikel wurde von Nikolai Dördrechter geschrieben.

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