20. Dezember 2017

Gastbeitrag: InsurTechs – Die zweite Welle baut sich auf

Von 50 auf 110 in 18 Monaten: Damit gibt es heute mehr als doppelt so viele InsurTechs als noch vor 18 Monaten. Der Gründungsboom deutscher InsurTechs ist ungebrochen und das Tempo der Neugründungen ist und bleibt hoch. Nicht nur Masse sondern zunehmend auch Klasse: Die zweite Welle der InsurTechs kommt langsam ins Rollen, die InsurTechs zeigen eine wachsendene Reife. Im Vergleich zu 2016 zeigt sich: Interessante Geschäftsmodelle wurden sukzessiv besetzt, die Lücken auf dem Radar haben sich weitgehend geschlossen.

Ein Blick auf die relative Marktgröße Deutschlands im internationalen Kontext offenbart aber auch ein Grundproblem: Das Marktpotenzial ist begrenzt, vor allem im Vergleich zu den USA oder China. Dazu kommt: Nicht jedes Geschäftsmodell ist überzeugend. Die Marktbereinigung wird 2018 also weitergehen, und einige heute aktive Start-ups werden aus dem Markt ausscheiden. So hat auch in Deutschland der Shake-Out begonnen. Das zeigt der aktuelle InsurTech-Radars Deutschland. Zusammen mit Oliver Wyman hat Policen Direkt bereits zum zweiten Mal das Phänomen InsurTech in Deutschland analysiert und zeigt, welche Trends und Entwicklungen es gibt, wie es um die Attraktivität der InsurTech-Geschäftsmodelle vom Betrieb, über das Angebot bis zum Vertrieb bestellt ist und wie InsurTech-Gründer das Investitionsklima in Deutschland einschätzen.

 

Erfolgsrezept: Versicherungswissen und Technologiekompetenz

Viele der bestehenden Geschäftsmodelle wurden in den vergangenen 18 Monaten überarbeitet, und die Gründer haben dazugelernt. So hat auch die Erkenntnis Einzug gehalten, dass es ohne profundes Versicherungswissen und Netzwerk schwierig ist, sich in der komplexen Versicherungsindustrie gegen die etablierten Unternehmen durchzusetzen.

Eine erfolgreiche Wachstumsstory hängt aber nicht nur von der nötigen Kompetenz im Versicherungswesen ab. Neugründungen und bestehende Geschäftsmodelle müssen ihr Versicherungswissen künftig mit noch mehr Technologie-Know-how aufladen, um langfristig erfolgreich zu sein. Der Trend geht in Richtung künstliche Intelligenz, Big Data, maschinelles Lernen und/oder Blockchain.

Vor allem zwei Grundlagentechnologien finden zunehmend Einzug in InsurTech-Geschäftsmodelle

– Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen: Mit Hilfe dieser Technologien können Prozesse etwa kostengünstig getrimmt werden – etwa indem Chatbots eingesetzt werden, dem Kunden anhand von Trigger Events aus Bankkontenbewegungen Produktvorschläge gemacht werden oder die Schaden- und Betrugsprüfung automatisiert abläuft

– Blockchain: So weit das Einsatzfeld, so fundamental werden die Auswirkungen sein. Die Entwicklung steht hier allerdings noch ganz am Anfang. InsurTechs, die sich dieses Feld zu eigen machen, werden attraktive Partner für Versicherer werden. Die Neuzugänge in 2017 – Keysurance und Etherisc – setzen hier an und wollen als erste deutsche InsurTechs die Blockchain im Versicherungskontext einsetzen.

Der Knackpunkt für die Zukunft wird sein, ob es gelingt, Gründer zu finden, die nicht nur Unternehmergeist, sondern auch tiefgehendes Know-how in der Versicherungsbranche und mit neuen Technologien beweisen können und die sich an bisher unbesetzte aber attraktive Radar-Bereiche heranwagen.

 

Vergleich zu 2016: Der Mix wird ausgewogener

In der Summe zeigt sich: In den letzten 18 Monaten hat sich die Verteilung der Neugründungen weg von einem starken vertrieblichen Fokus hin zu einem ausgewogeneren Mix zwischen Angebot, Vertrieb und Betrieb entwickelt. Die Verteilung entspricht nun auch der im internationalen Kontext. Zwar überwiegt mit 40 Prozent noch immer leicht der Vertrieb, dessen Relevanz jedoch im Vergleich zu 2016 deutlich rückläufig ist (2016: 63 Prozent). Stark aufgeholt dagegen haben die zuvor schwachen Segmente Betrieb (2017: 38 Prozent; 2016: 21 Prozent) und Angebot (2017: 22 Prozent; 2016: 16 Prozent). Mit der zweiten Welle an InsurTechs entwickeln sich einige vielversprechende neue InsurTechs.

Der genaue Blick auf die Geschäftsmodelle zeigt: Das 2016 dominierende Segment Vertrieb sah wenig Neugründungen, dafür aber einige Marktaustritte und Neupositionierungen. Im Bereich Angebot herrscht viel Aktivität bei digitalen Versicherern. Bei einigen Geschäftsmodellen gibt es aber noch deutlich Luft nach oben. Der Betrieb ist der Bereich, in dem es in der Summe die deutlichste Bedeutungszunahme gibt. Das Potential ist längst aber gerade hier noch nicht ausgeschöpft.

 

Weitere Kernergebnisse des InsurTech Radars:

– Kooperation statt Konfrontation: Statt auf Konfrontation setzen InsurTechs zunehmend auf Kooperation. Künftig wird es mehr Zusammenarbeit von traditionellen Versicherern und InsurTechs geben. Doch nicht jede Kooperation entsteht aktuell jedoch aus Überzeugung, sondern in vielen Fällen auch aus Not in der schwierigen Finanzierungssituation.

– Digitale „Full-Stack“ Versicherer: Aktuell beliebt, aber damit auch latent überbelegt, ist das Geschäftsfeld der sogenannten digitalen „Full-Stack-Carrier“, die vermehrt auf den Markt stoßen. So gab es eine stattliche Anzahl an Neugründungen dieser volldigitalen Versicherer, teils als unabhängige Unternehmen, teils als Tochterunternehmen von großen Versicherern. Mit Kosten- und Agilitätsvorteilen wollen sie den Markt aufmischen. Zu den Neugründungen zählen u.a. Coya, Element, Flypper, Friday, Neodigital, Nexible und One.

– „Versicherer Light“ im Trend: Digitale Assekuradeure bilden die meisten Aktivitäten eines Primärversicherers über eine volldigitale Plattform ab, ohne dabei der BaFin-Regulierung zu unterliegen und den großen Personalapparat eines Vollversicherers zu benötigen. Risikoträger ist ein Primärversicherer, an den sich das InsurTech eng binden muss. Beispiele dafür aus dem Bereich Angebot sind z.B. Cyberdirekt oder Getsurance, im Vertrieb Getsafe und im Betrieb Covomo.

– Das alte Geschäftsmodell ist tot, es lebe das neue! Die Pivotierung ist in vollem Gange: Einige InsurTechs denken um und richten ihre Geschäftsmodelle aus vermeintlich zukunftsträchtigere Felder aus. Die Devise lautet häufig: Raus aus dem Vertrieb, rein in Angebot oder Betrieb! Ein Beispiel hierfür ist die Entwicklung von Wefox: Gestartet als B2C-Onlinemakler stellte das Start-up seine Software auch anderen Maklern zur Verfügung – und zwar als Plattform in einem Software-Lizenzmodell und machte damit mit einem Schwenk von einem Vertriebs- zu einem Betriebsgeschäftsmodell.

– InsurTech Gründer im Finanzierungsdilemma: Fakt ist: Der Shake-Out hat begonnen. Zum Problem für InsurTech-Gründer wird immer öfter die Anschlussfinanzierung. Zwar ist das erste Geld schnell zusammen, am Geld für die Wachstumsphase mangelt es jedoch häufig. Auch von staatlicher Seite sehen Gründer keine ausreichende Förderung und Unterstützung, wie die Befragung der Gründer innerhalb unserer Studie zeigt. Besonders im internationalen Vergleich mit Großbritannien oder den USA fürchten deutsche Start-ups, den Anschluss zu verlieren.


Dr. Nikolai Dördrechter ist Geschäftsführer und Co-Founder der Policen Direkt-Gruppe, die vor mehr als 12 Jahren als Startup im Versicherungsbereich gegründet wurde. Er kümmert sich u.a. um Venture Capital Investitionen der Gruppe und den Kauf von bestehenden Versicherungsmaklern. Er ist Mitautor des InsurTech-Radars 2017.

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Nikolai Dördrechter

Dieser Artikel wurde von Nikolai Dördrechter geschrieben.

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