15. Juli 2022

„Es war mir eine Herzensangelegenheit, zu helfen”

​​​​​​Die Jahrhundertflut verursachte ein Ausmaß an Zerstörung, welches kaum vorstellbar ist. Mehr als 230 Menschen in Europa verloren ihr Leben – für viele andere nahm es in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 eine tragische Wende. Das Wasser schwemmte Autos weg, Kinder sahen ihr Zuhause verschwinden. Doch inmitten der Erschütterung und Trauer formierte sich eine beachtliche Welle der Solidarität – auch von Zurich Mitarbeitenden, von denen viele persönlich betroffen waren. Für Birgit Volkmer, die lange in Bad Neuenahr-Ahrweiler gewohnt hatte, war es „eine Herzensangelegenheit, zu helfen.“ In diesem Beitrag berichtet Birgit über ihre persönlichen Erfahrungen:

Die Flutnacht war und ist eine große Katastrophe. Ich war wie gelähmt, als ich den Anruf meiner Freundin aus Sinzig bekam direkt am Freitag „danach“. Sie bittet eigentlich nie um etwas, aber als sie mich bat, ihr die Kinder abzunehmen, damit sie Freunden helfen konnte, habe ich keine Minute gezögert. Ich bin mit dem Taxi nach Sinzig gefahren und habe vier Stunden gebraucht. Die Züge fuhren nicht, die Fähre über den Rhein war außer Betrieb. Die Menschen liefen in Gummistiefeln mit Besen und Schneeschüppen auf den Straßen und versuchten, den Schlammmassen Herr zu werden und den Unrat zusammen zu sammeln.

​​​​​​​Jetzt beim Verfassen dieser Zeilen steigen mir wieder die Tränen in die Augen, so bewegt mich das heute noch. Ich bin das ganze Wochenende bei meiner Freundin geblieben, die drei kleine Kinder hat. Sie waren nicht selbst betroffen, aber sie wusste nicht, was mit ihrem 97-jährigen Opa war, der in Bachem lebt. Wir haben gefühlte 100 Liter Erbsensuppe und Kaffee gekocht, Kuchen gebacken, alles eingekauft, was notwendig war. ​​​​​​Ihrem Opa ist nichts passiert, der konnte sogar Nachrichten hören, weil er noch ein altes Transistorradio hatte und meinte ziemlich unaufgeregt: „Wir haben den Krieg überlebt, dann überleben wir das auch.“ Da ich des Ahrweiler Platts nicht mächtig bin, verzichte ich auf Übersetzung. Aber es tat gut, den alten Mann bei bester Gesundheit zu sehen.

Überall waren Bierzeltgarnituren aufgebaut, Lager mit Lebensmitteln etc. errichtet, Wasserkanister standen bereit, Mehrfachsteckdosen mit so vielen Handys hatte ich noch nie gesehen. Es war befremdlich, dass die Leute hier saßen und trotzdem lachen konnten. Aber ich glaube, es geht gar nicht anders. Für mich war es schwierig, die Kinder mit einzubeziehen und trotzdem ruhig zu bleiben. Da saß ich nun am Sonntag mit ihnen auf dem großen Elternbett mit Salzstangen und Fanta, habe mit der Ältesten Socken zusammengelegt und Netflix geschaut. Ich dachte nur, alle sind am Helfen, nur du sitzt hier und suchst Socken zusammen. Aber das war eben jetzt mein Job, damit ihre Eltern helfen konnten.

Die Hubschrauber flogen unentwegt, die Feuerwehr war im Dauereinsatz. Ich telefonierte später mit meiner Mutter. Sie hat gefragt: „Wer bezahlt denn die ganzen Lebensmittel, die ihr verbraucht, ich möchte mich gerne dran beteiligen aus der Ferne“  Bislang bezahlten wir es selbstverständlich aus unserer Tasche. Daraufhin hat sie eine Spendenaktion bei allen möglichen Leuten gestartet. Am ersten Tag hatten wir bereits fast 700 Euro beisammen. Am Ende waren es über 2000! Das Wochenende ging vorbei und ich habe mich, in Köln angekommen, fast geschämt, in meine saubere Wohnung zu gehen und zu duschen.

Zurich Hilfsaktion in der Altenresidenz

Mit Zurich war ich dann nochmal zu einer Aktion in der „Villa Sibilla“. Eigentlich bat die Leiterin vom Bunten Kreis um Hilfe, das Büro zu räumen. Ich kenne sie aus Bad Neuenahr und es war mir eine Herzensangelegenheit, zu helfen. Allerdings war das bereits von Kollegen und Kolleginnen am Vortag erledigt und so unterstützten wir in der Altenresidenz. Die Bewohner und Bewohnerinnen wurden glücklicherweise alle rechtzeitig evakuiert. Der Anblick war entsetzlich. Die Wasserkante war wie mit der Schnur gezogen bei ca. 2 Metern, der Schlamm lag 10 cm hoch in den Räumen. Es standen noch Kaffeebecher in der Spüle, das Strickzeug noch auf dem Nachttisch. Es stank fürchterlich nach Modder, Fäkalien, Öl und Diesel. Dann die Angst vor Corona. Draußen hatten wir ziemliche Temperaturen. Ich brauchte einige Zeit, den Anfang zu finden, so startete ich in einem kleinen Apartment. Es musste alles raus, zu retten war dort gar nichts mehr. Selbst wenn wir Teller und Tassen aussortiert hätten, wo hätte man das lagern sollen? Somit ging mal eben das Leben eines alten Menschen vollständig auf den Müll mit allen Erinnerungen: Bücher, Fotoalben und das Selbstgebastelte der Enkel. Das war für mich richtig schlimm. Aber besser nicht drüber nachdenken, einfach machen. Wisst ihr, wie schwer ein Pelzmantel ist voller Schlamm? Wie schwer völlig durchweichte Parkettleisten sind? Wie ekelig ein vollgelaufener Kühlschrank ist, in dem das Wasser 14 Tage gestanden hat? 

Mittagspause…Ich ging eine Runde und stand am Kurpark, keine 200 Meter weiter war mal mein Zuhause. Leben meine alten Nachbarn noch? Ich konnte nicht einfach auf die andere Ahrseite, die Brücken waren alle kaputt. Der Park war zerstört, die Tränen liefen. Aber keine Zeit für Tränen, Ärmel hoch und weiter. Unsere Karin Nillies war immer wieder da: Mit Getränken, mit guten Worten, mit einer Umarmung. Der Verpflegungstrupp in der Villa war auch super! Eine Frau sah mich an und sagte: „Setzen Sie sich doch mal hin und ruhen etwas aus.“ Wir waren voller Schlamm… Damit auf die guten Stühle? Tja, irgendwie egal… Sie schnitt mir eine Nektarine auf. Ich glaube, das letzte Mal hat das meine Oma für mich gemacht und ich war völlig gerührt und wieder liefen Tränen. Es gab eine unheimliche Hilfsbereitschaft und Anteilnahme. Jede und jeder tat das, was gerade in diesem Moment zu tun war. Jede und jeder auf seine Art. Entweder ganz still, langsam und in sich gekehrt oder aktiv anpackend. Am Nebenhaus saß ein junges Pärchen in der Auffahrt und war damit beschäftigt, antikes Geschirr in einer Wanne abzuwaschen, voller Wehmut. War es das Letzte, was von Oma überblieb? Werden diese Menschen mal wieder richtig glücklich? Das waren meine Gedanken an diesem Tag.

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Birgit Volkmer

Dieser Artikel wurde von Birgit Volkmer geschrieben.

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